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Die Probe
Herbert Malecha |
Redluff sah, das schrille Quietschen der Bremsen noch
in den Ohren, wie sich das Gesicht des Fahrers ärgerlich verzog. Mit zwei
taumeligen Schritten war er wieder auf dem Gehweg. "Hat es Ihnen was
gemacht?" Er fühlte sich am Ellbogen angefasst. Mit einer fast brüsken
Bewegung machte er sich frei. "Nein, nein, schon gut. Danke", sagte er noch,
beinah schon über die Schulter, als er merkte, dass ihm der Alte
nachstarrte.
Eine Welle von Schwäche stieg von seinen Knien auf, wurde fast zur Übelkeit.
Das hätte ihm gerade gefehlt, angefahren auf der Straße liegen, eine
gaffende Menge und dann die Polizei. Er durfte jetzt nicht schwach werden,
nur weiterlaufen, unauffällig weiterlaufen zwischen den vielen auf der
hellen Straße. Langsam ließ das Klopfen im Halse nach. Seit drei Monaten war
er zum ersten Mal wieder in der Stadt, zum ersten Mal wieder unter so vielen
Menschen. Ewig konnte er in dem Loch sich ja nicht verkriechen, er musste
einmal wieder raus, wieder Kontakt aufnehmen mit dem Leben, überhaupt raus
aus allem. Ein Schiff musste sich finden lassen, möglichst noch, bevor es
Winter wurde. Seine Hand fuhr leicht über die linke Brustseite seines
Jacketts, er spürte den Pass, der in der Innentasche steckte; gute Arbeit
war dieser Pass, er hatte auch nicht schlecht dafür bezahlt.
Die Autos auf der Straße waren zu einer langen Kette aufgefahren. Nur
stockend schoben sie sich vorwärts. Menschen gingen an ihm vorbei, kamen ihm
entgegen; er achtete darauf, dass sie ihn nicht streiften. Einem Platzregen
von Gesichtern war er ausgesetzt, fahle Ovale, die sich mit dem wechselnden
Reklamelicht verfärbten. Redluff strengte sich an, den Schritt der vielen
anzunehmen, mitzuschwimmen in dem Strom. Stimmen, abgerissene
Gesprächsfetzen schlugen an sein Ohr, jemand lachte. Für eine Sekunde
haftete sein Blick an dem Gesicht einer Frau, ihr offener, bemalter Mund sah
schwarzgerändert aus. Die Autos fuhren jetzt an, ihre Motoren summten auf.
Eine Straßenbahn schrammte vorbei. Und wieder Menschen, Menschen, ein Strom
flutender Gesichter. Sprechen und hundertfache Schritte. Redluff fuhr
unwillkürlich mit der Hand an seinen Kragen. An seinem Hals merkte er, dass
seine Finger kalt und schweißig waren.
Wovor hab ich denn eigentlich Angst, verdammte Einbildung, wer soll mich
denn schon erkennen in dieser Menge, sagte er sich. Aber er spürte nur zu
genau, dass er in ihr nicht eintauchen konnte, dass er wie ein Kork auf dem
Wasser tanzte, abgestoßen und weitergetrieben. Ihn fror plötzlich. Nichts
wie verdammte Einbildung, sagte er sich wieder. Vor drei Monaten war das ja
noch anders, da stand sein Name schwarz auf rotem Papier auf jeder
Anschlagsäule zu lesen, Jens Redluff; nur gut, dass das Foto so schlecht
war. Der Name stand damals fett in den Schlagzeilen der Blätter, wurde dann
klein und kleiner, auch das Fragezeichen dahinter, rutschte in die letzten
Spalten und verschwand bald ganz.
Redluff war jetzt in eine Seitenstraße abgebogen, der Menschenstrom wurde
dünner, noch ein paar Abbiegungen, und die Rinnsale lösten sich auf,
zerfielen in einzelne Gestalten, einzelne Schritte. Hier war es dunkler. Er
konnte den Kragen öffnen und die Krawatte nachlassen. Der Wind brachte einen
brackigen Lufthauch vom Hafen her. Ihn fröstelte.
Ein breites Lichtband fiel quer vor ihm über die Straße, jemand kam aus dem
kleinen Lokal, mit ihm ein Dunst nach Bier, Qualm und Essen. Redluff ging
hinein. Die kleine, als Café aufgetakelte Kneipe war fast leer, ein paar
Soldaten saßen herum, grelle Damen in ihrer Gesellschaft. Auf den kleinen
Tischen standen Lämpchen mit pathetisch roten Schirmen. Ein Musikautomat
begann aus der Ecke zu hämmern. Hinter der Theke lehnte ein dicker Bursche
mit bloßen Armen. Er schaute nur flüchtig auf.
"Kognak, doppelt", sagte Redluff zu dem Kellner. Er merkte, dass er seinen
Hut noch in der Hand hielt und legte ihn auf den leeren Stuhl neben sich. Er
steckte sich eine Zigarette an, die ersten tiefen Züge machten ihn leicht
benommen. Schön warm war es hier, er streckte seine Füße lang aus. Die Musik
hatte gewechselt. Über gezogen jaulenden Gitarretönen hörte er halblautes
Sprechen, ein spitzes Lachen vom Nachbartisch. Gut saß es sich hier.
Der Dicke hinter der Theke drehte jetzt seinen Kopf nach der Tür. Draußen
fiel eine Wagentür schlagend zu. Gleich darauf kamen zwei Männer herein,
klein und stockig der eine davon. Er blieb in der Mitte stehen, der andere,
im langen Ledermantel, steuerte auf den Nachbartisch zu. Keiner von beiden
nahm seinen Hut ab. Redluff versuchte hinüberzuschielen, es durchfuhr ihn.
Er sah, wie der Große sich über den Tisch beugte, kurz etwas Blinkendes in
der Hand hielt. Die Musik hatte ausgesetzt. "What's he want?", hörte er den
Neger vom Nebentisch sagen. "What's he want?" Er sah seine wulstigen Lippen
sich bewegen. Das Mädchen kramte eine bunte Karte aus ihrer Handtasche. "What's
he want?", sagte der Neger eigensinnig. Der Mann war schon zum nächsten
Tisch gegangen. Redluff klammerte sich mit der einen Hand an die Tischkante.
Er sah, wie die Fingernägel sich entfärbten. Der rauchige Raum schien ganz
leicht zu schwanken, ganz leicht. Ihm war, als müsste er auf dem sich
neigenden Boden jetzt langsam samt Tisch und Stuhl auf die andere Seite
rutschen. Der Große hatte seine Runde beendet und ging auf den anderen zu,
der immer noch mitten im Raum stand, die Hände in den Manteltaschen. Redluff
sah, wie er zu dem Großen etwas sagte. Er konnte es nicht verstehen. Dann
kam er geradewegs auf ihn zu.
"Sie entschuldigen", sagte er, "Ihren Ausweis, bitte!" Redluff schaute erst
gar nicht auf das runde Metall in seiner Hand. Er drückte seine Zigarette
aus und war plötzlich völlig ruhig. Er wusste es selbst nicht, was ihn mit
einmal so ruhig machte, aber seine Hand, die in die Innentasche seines
Jacketts fuhr, fühlte den Stoff nicht, den sie berührte, sie war wie von
Holz. Der Mann blätterte langsam in dem Pass, hob ihn besser in das Licht.
Redluff sah die Falten auf der gerunzelten Stirn, eins, zwei, drei. Der Mann
gab ihm den Pass zurück. "Danke, Herr Wolters", sagte er. Aus seiner
unnatürlichen Ruhe heraus hörte Redluff sich selber sprechen. "Das hat man
gern, so kontrolliert werden wie ?" , er zögerte etwas, "ein Verbrecher!"
Seine Stimme stand spröde im Raum. Er hatte doch gar nicht so laut
gesprochen. "Man sieht manchmal jemand ähnlich", sagte der Mann, grinste,
als hätte er einen feinen Witz gemacht. "Feuer?" Er fingerte eine halbe
Zigarre aus der Manteltasche. Redluff schob seine Hand mit dem brennenden
Streichholz längs der Tischkante ihm entgegen. Die beiden gingen.
Redluff lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Die Spannung in ihm
zerbröckelte, die eisige Ruhe schmolz. Er hätte jubeln können. Das war es,
das war die Probe und er hatte sie bestanden. Triumphierend setzte der
Musikautomat wieder ein. "He, Sie vergessen Ihren Hut", sagte der Dicke
hinter der Theke. Draußen atmete er tief, seine Schritte schwangen weit aus,
am liebsten hätte er gesungen.
Langsam kam er wieder in belebtere Straßen, die Lichter nahmen zu, die
Läden, die Leuchtzeichen an den Wänden. Aus einem Kino kam ein Knäuel
Menschen, sie lachten und schwatzten, er mitten unter ihnen. Es tat ihm
wohl, wenn sie ihn streiften. "Hans", hörte er eine Frauenstimme hinter
sich, jemand fasste seinen Arm. "Tut mir leid", sagte er und lächelte in das
enttäuschte Gesicht. Verdammt hübsch, sagte er sich. Im Weitergehen nestelte
er an seiner Krawatte. Dunkelglänzende Wagen sangen über den blanken
Asphalt, Kaskaden wechselnden Lichts ergossen sich von den Fassaden,
Zeitungsverkäufer riefen die Abendausgaben aus. Hinter einer großen, leicht
beschlagenen Spiegelglasscheibe sah er undeutlich tanzende Paare; pulsierend
drang die Musik abgedämpft bis auf die Straße. Ihm war wie nach Sekt. Ewig
hätte er so gehen können, so wie jetzt. Er gehörte wieder dazu, er hatte den
Schritt der vielen, es machte ihm keine Mühe mehr. Im Sog der Menge ging er
über den großen Platz auf die große Halle zu mit ihren Ketten von Glühlampen
und riesigen Transparenten. Um die Kassen vor dem Einlass drängten sich die
Menschen. Von irgendwoher flutete Lautsprechermusik. Stand dort nicht das
Mädchen von vorhin? Redluff stellte sich hinter sie in die Reihe. Sie wandte
den Kopf, er spürte den Hauch von Parfüm. Dicht hinter ihr zwängte er sich
durch den Einlass. Immer noch flutete die Musik, er hörte ein Gewirr von
Hunderten von Stimmen. Ein paar Polizisten suchten etwas Ordnung in das
Gedränge zu bringen. Ein Mann in einer Art Portiersuniform nahm ihm seine
Einlasskarte ab. "Der, der!", rief er auf einmal und deutete aufgeregt
hinter ihm her. Gesichter wandten sich, jemand im schwarzen Anzug kam auf
ihn zu, ein blitzendes Ding in der Hand. Gleißendes Scheinwerferlicht
übergoss ihn. Jemand drückte ihm einen Riesenblumenstrauß in die Hände. Zwei
strahlend lächelnde Mädchen hakten ihn rechts und links unter. Fotoblitze
zuckten. Und zu allem dröhnte eine geölte Stimme, die von innerer
Freudigkeit fast zu bersten schien: "Ich darf Ihnen im Namen der Direktion
von ganzem Herzen gratulieren. Sie sind der hunderttausendste Besucher der
Ausstellung!" Redluff stand wie betäubt. "Und jetzt sagen Sie uns Ihren
werten Namen", schmalzte die Stimme unwiderstehlich weiter. "Redluff, Jens
Redluff", sagte er, noch ehe er wusste, was er sagte, und schon hatten es
die Lautsprecher dröhnend bis in den letzten Winkel der riesigen Halle
getragen.
Der Kordon der Polizisten, der eben noch die applaudierende Menge
zurückgehalten hatte, löste sich langsam auf. Sie kamen auf ihn zu.
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aus: Herbert Malecha, Die Probe. Die 16
besten Kurzgeschichten aus dem Preisausschreiben der Wochenzeitung "Die
Zeit"". Marion v. Schröder Verlag. Hamburg 1956, S.21- 27.
Quelle:
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/mal/mal_pro0.htm
Mehr dazu bei:
http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_aut/mal/mal_centermap.htm |

Hinweise aus dem Duden:
 | Brackwasser: Gemisch aus Salz- u. Süßwasser |
 | Kognak / Cognac: Cognac ist das Warenzeichen für
französischen Weinbrand, der nur aus Weinsorten des Gebietes um die
französische Stadt Cognac hergestellt wird, Kognak dagegen die volkstümliche
Bezeichnung für Weinbrand (Schnaps) allgemein. |
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